Baal HaSulam, Brief 39
Vorabend des Schabbat, Wochenabschnitt Schlach, 17. Siwan 5687 [17. Juni 1927], London
An den berühmten Chassid, unseren Lehrer und Rav … möge seine Kerze leuchten.
Herzliche Grüße, wie es sich gebührt.
Ich teile dir mit, dass ich soeben einen Brief empfangen habe, der meine Seele zutiefst betrübt: Mein heiliges Manuskript wurde in die Hände von Außenstehenden gegeben, die damit nach Belieben ihr Unwesen treiben. Nun verstehst du meine doppelte und dreifache Warnung, das Geheimnis zu bewahren, und warum ich die Hefte bis heute nicht versandt habe – ich fürchtete genau dies. Darum wollte ich sie zuerst an den ehrwürdigen Maran … und an den heiligen Rav … senden, mögen sie lange leben.
Was ich befürchtet hatte, ist eingetreten. Die Hände derer, die des Wissens beraubt sind, haben mich verraten und taten, was ich nicht befohlen hatte – nach meiner eindringlichen Warnung, mein Geheimnis keinem Menschen zu offenbaren, wer auch immer er sei. Sie haben meinen Ruf in den Augen der Generation in Verruf gebracht und mich auf dem Weg meiner erhabenen Arbeit, meinem Schöpfer Wohlgefallen zu bereiten, zum Straucheln gebracht. Wer könnte ihnen das verzeihen? Der Himmel ist mein Zeuge (vgl. Hiob 16:19), wie ich mich mit all meiner Kraft abgemüht habe, Seine Heiligkeit auf jene Generation herabzuziehen.
Jedoch findet die Sitra Achra stets ihre Leute, die mir Hindernisse in den Weg legen, wohin auch immer ich mich wende, um anderen Gutes zu tun. Und dennoch: „Mehr sind die bei uns als die bei ihnen“ (2. Könige 6:16), und der Schöpfer versagt mir nicht meinen Lohn. Schritt für Schritt bahne ich den Weg, mal weniger, mal mehr – aber stets mit Gewinn, mit Gottes Hilfe, bis ich gewürdigt werde, alle Feinde des Schöpfers mit Hilfe Seines großen und ehrfurchtgebietenden Namens zu Fall zu bringen.
Du aber – fürchte dich nicht vor dem Schrecken der Toren! Was die Verleumder betrifft: Mein kleiner Finger ist dicker als ihre Lenden (vgl. 1. Könige 12:10). So hat es der Schöpfer gewollt und so hat Er mich gemacht – wer will Ihm sagen: „Was tust Du und was wirkst Du?“ (Hiob 9:12). Das Verdienst meiner Tora ist größer als das Verdienst ihrer Väter. Auch die Zeitgenossen des Propheten Amos verachteten ihn und sagten, der Schöpfer hätte niemanden gehabt, auf dem Er Seine Schechina ruhen lassen konnte, außer diesem Stammler – wie in der Psikta (de-Rav Kahana 16:4) geschrieben steht.
Jedoch steht geschrieben: „Die Lippe der Wahrheit besteht für immer, doch die lügnerische Zunge nur einen Augenblick“ (Sprüche 12:19). Am Ende siegen die Menschen der Wahrheit. Amos bleibt lebendig für alle Ewigkeit – und wer weiß noch, was aus seinen Widersachern wurde?
So auch hier: Die Verleumder können nur ihresgleichen schaden, und „der Sturm wird auf die Häupter der Frevler niederfahren“ (Jeremia 30:23). Die Wahrheit lebt und besteht; keine Lüge schwächt sie, im Gegenteil: Sie wird durch sie noch gestärkt – so wie ein besätes Feld gerade durch den Dung und Kehricht, die man darauf wirft, kräftiger wird und reicher trägt, wenn der Schöpfer es will.
Bisher spüre ich den Schaden nicht, den sie mir bei der Verbreitung meiner Lehre zufügen könnten, und weiß daher nicht, wie ich das Licht einpflanzen und vor ihrem Übel retten soll. Doch gewiss ist: Spüre ich einen Schaden, werde ich ihnen gegenüber rächend und nachtragend sein, wie es das Gesetz der Tora gebietet (vgl. Nahum 1:2), und meine Kraft an ihnen messen. Alles, was meine Hand vermag, werde ich tun (Kohelet 9:10), denn den Allgütigen fürchte ich (1. Mose 42:18), und es gibt keine Kraft außer Ihm, Gott bewahre – dies genügt dem Verständigen.
Im Allgemeinen sollst du zu deinem eigenen Nutzen wissen: Ich habe das Buch nicht um meiner Ehre oder meines Bedarfs willen verfasst, sondern einzig um Seinetwillen, gepriesen und erhaben sei Er. Denn ich sah eine große Verwirrung in den Schriften des ARI. Ihre Ursache liegt darin, dass der ARI sie nicht selbst mit eigener heiliger Hand niedergeschrieben und geordnet hat, wie es der Tiefe dieser erhabenen Weisheit angemessen wäre. Rav Chaim Vital befand sich zu der Zeit, als er die Worte hörte und niederschrieb, noch nicht auf den Stufen der Vollkommenheit, die nötig sind, um diese Überlieferungen an ihrer Wurzel zu erfassen – er war damals noch jung. Dreißig Jahre alt war er, als er vor dem ARI stand, wie im Tor der Reinkarnationen (Tor 8, Blatt 49) geschrieben steht: „Und jetzt, im Jahr 5331 [1571], da ich neunundzwanzig Jahre alt bin.“ Zu jener Zeit, an Pessach, diente er bereits dem ARI. Am Vorabend des Schabbat, Wochenabschnitt Matot-Massei, am Rosch Chodesch Aw 5332 [Juli 1572] erkrankte der ARI, und am darauffolgenden Dienstag, dem 5. Aw [25. Juli 1572], ging er in das ewige Leben ein.
Du siehst also: Rav Chaim Vital war beim Ableben des ARI erst dreißig Jahre alt, und der ARI lebte, wie bekannt, achtunddreißig Jahre. Ferner schrieb er dort (Tor 8, Blatt 71), dass Rav Chaim Vital beim Ableben des ARI nicht zugegen war. Dies sind seine Worte, Wort für Wort:
„Rav Jizchak HaKohen erzählte mir: Als mein Lehrer im Sterben lag und ich von ihm hinausgegangen war, trat er ein, weinte vor ihm und sprach: ‚Ist dies die Hoffnung, auf die wir alle zu deinen Lebzeiten gehofft haben – Gutes, Tora und große Weisheit in der Welt zu sehen?‘ Er antwortete ihm: ‚Hätte ich auch nur einen einzigen vollkommenen Gerechten unter euch gefunden, wäre ich nicht vorzeitig aus dieser Welt genommen worden.‘ Noch während er sprach, fragte er nach mir und sagte: ‚Wohin ist Chaim gegangen? Hat er mich in einer solchen Stunde verlassen?‘ Er war sehr betrübt. Jener verstand aus seinen Worten, dass er mir etwas Verborgenes mitteilen wollte. Da fragte er ihn: ‚Was sollen wir von nun an tun?‘ Der ARI sprach: ‚Sage den Gefährten in meinem Namen, dass sie sich von heute an überhaupt nicht mehr mit dieser Weisheit beschäftigen sollen, die ich sie lehrte, denn sie haben sie nicht recht verstanden. Nur Rav Chaim Vital allein soll sich damit befassen, für sich allein, im Flüsterton und im Verborgenen.‘ Er sprach: ‚Gibt es denn, Gott bewahre, gar keine Hoffnung?‘ Der ARI sprach: ‚Wenn ihr würdig seid, werde ich zu euch kommen und euch lehren.‘ Er sagte: ‚Wie kannst Du zu uns kommen und uns lehren, nachdem Du jetzt aus dieser Welt scheidest?‘ Er sprach: ‚Du hast keinen Anteil an den verborgenen Dingen – wie mein Kommen zu euch sein wird.‘ Und sogleich ging er in das ewige Leben ein.“
Ich habe so ausführlich aus dem Tor der Reinkarnationen von Rav Chaim Vital zitiert, damit du siehst: Der ARI verbot Rav Chaim Vital, seine Lehre anderen zu vermitteln, weil dieser die Überlieferungen damals nicht in ihrer ganzen Tiefe verstanden hatte. Darum wollte er nicht einmal die Schriften seines Lehrers ordnen. So ordneten sie die nach ihm Kommenden, die dritte Generation: Rav Jaakow Zemach, Rav Meir Poppers und Rav Schmuel Vital.
Keiner dieser Ordner besaß die vollständigen Schriften des ARI. Sechshundert Blätter wurden noch zu Lebzeiten Rav Chaim Vitals gestohlen – daraus stellte Rav Jaakow Zemach den größten Teil des Etz Chaim [Baum des Lebens] und weitere Werke zusammen. Einen anderen Teil ließ Rav Chaim Vital mit sich begraben, und so geschah es. Einen dritten Teil hinterließ er seinem Sohn Rav Schmuel Vital, und daraus wurden die bekannten Acht Tore zusammengestellt. Nach langer Zeit versammelten sich Rav Jaakow Zemach und eine große Gruppe von Gelehrten, holten den dritten Teil aus dem Grab und stellten daraus die erste und zweite Ausgabe des Etz Chaim zusammen, sowie Olat Tamid [das beständige Opfer] und weitere Werke.
Du siehst: Dem Ordner stand jedes Mal nur ein Drittel der gesamten Schriften zur Verfügung, die zusammen ein einziges Ganzes bilden – und wenn es ihnen doch genügt hätte! Da sie jedoch nur einen kleinen Teil besaßen, verstanden sie die Tiefe der Weisheit nicht und brachten die Dinge erst recht durcheinander.
Wisse mit Gewissheit: Von der Zeit des ARI bis zum heutigen Tag hat niemand seine Methode an ihrer Wurzel verstanden. Denn es wäre weit leichter gewesen, einen Verstand zu erlangen, der an Größe und Heiligkeit doppelt so groß ist wie der des ARI, als seine Methode zu verstehen, die durch viele Hände gegangen ist – vom ersten Niederschreibenden bis zu den letzten Ordnern, die die Dinge noch nicht in ihrem wahren Zustand an ihrer oberen Wurzel erfasst hatten. So kehrte ein jeder sie um und brachte sie durcheinander.
Durch den Höheren Willen, gepriesen sei Er, wurde ich eines Ibur (einer Seelen-Eingliederung) der Seele des ARI gewürdigt – nicht wegen meiner guten Taten, sondern durch den Höheren Willen, der auch mir selbst unbegreiflich ist: warum gerade ich für diese wunderbare Seele erwählt wurde, die seit seinem Ableben keinem Menschen vergönnt war. Ich kann hierüber nicht ausführlicher schreiben, denn es ist nicht meine Art, über Wunderbares zu sprechen. Doch ich fand es als meine Pflicht, … dein Gemüt zu beruhigen angesichts des Stroms mächtiger Wasser von Knechten, die gegen ihre Herren aufbegehren und „deren Wasser Schlamm und Dreck auswerfen“ (Jesaja 57:20). Sie werden fallen durch ihr Unternehmen, das ihre tierische Seele gewirkt hat, da sie noch nicht in Vollkommenheit verstanden haben, wie man sie von der geistigen Seele trennt. Wisse: Man darf sich vor solchen Kräften nicht fürchten, die nur darauf aus sind, alles Heilige hinwegzuspülen, Gott bewahre – der Schöpfer rettet uns aus ihren Händen.
Ich denke, du wirst mir glauben, denn es war nie meine Art, zu lügen, zu übertreiben oder nach Ehre zu jagen und mir unter den Toren einen Namen zu machen. Bis heute habe ich geduldet und hatte nicht einmal den Wunsch, mit ihnen zu kämpfen.
Um dich noch mehr zu stärken, damit du dich nicht von den Heerscharen der Sitra Achra verwirren lässt, teile ich dir ein klares Erkennungszeichen mit, das wir aus dem Munde des ARI empfangen haben: woran man erkennt, wer ein wahrer Gerechter (Zaddik) ist und wer zwar nicht wahrhaftig, aber würdig ist, ein Gerechter zu sein – weshalb man ihm ebenfalls Respekt erweisen muss. Du meinst vielleicht, wir müssten Lose werfen, um zu wissen, wer dem Schöpfer dient und wer Ihm nicht dient? Zeichen und Wunder entscheiden in dieser Frage nicht, wie unter den Chassidim bekannt ist – und sollten wir etwa, Gott bewahre, auf das Los angewiesen sein?
Wisse vielmehr: Rav Chaim Vital stellte diese Frage dem ARI, und sie ist erklärt im Tor des Geistes der Heiligkeit – dem siebten der bekannten Acht Tore –, Blatt 1. Dies sind seine Worte, Buchstabe für Buchstabe:
„Das Erkennungszeichen, das mein Lehrer mir gab, ist: wenn wir sehen, dass all seine Worte wahrhaftig sind oder all seine Worte um des Himmels willen, und er nicht einen einzigen Buchstaben seiner Worte aufgibt (es geht um das Geheimnis eines Buchstabens, den man von seinem Gefährten lernt, wie den Kennern der verborgenen Weisheit bekannt ist), und er außerdem die Geheimnisse der Tora zu erklären weiß – einem solchen können wir gewiss glauben.“ Rav Chaim Vital selbst schließt: „Nach seinen Worten können wir seine Größe und seinen Rang erkennen, entsprechend seinem Wissen.“
Die Erklärung ist, wie zuvor gesagt: Wenn der Mensch ein Gerechter und Frommer ist, sich mit der Tora beschäftigt und mit Absicht (Kawana) betet, werden aus ihm Engel und heilige Geister erschaffen – das ist das Geheimnis von „Wer eine Mizwa ausführt, hat sich einen Fürsprecher erworben“ (Traktat Awot 4:11). Die Hauchungen, die aus seinem Mund kommen, werden zum Gefährt (Merkawa) für die Seelen der ersten Gerechten, damit sie hinabsteigen und jenen Menschen Tora lehren – man sehe dort nach.
Ferner sagt er dort: Wenn die Gebote (Mizwot) nicht vollkommen sind, entstehen daraus Engel und Geister, die nicht vollkommen sind – sie werden Maggidim [Verkünder] genannt. Darum gab er jenes Erkennungszeichen: Sind Tora und Gebote vollkommen, wird er mit vollkommener Erkenntnis gewürdigt und vermag alle Geheimnisse der Tora zu erklären. Mangelt es ihm daran – vermag er nur einige zu erklären –, so sind seine Taten gewiss nicht vollkommen. Man sehe dort gut nach.
Alle, die meine Widersacher sein könnten, sind es, weil sie nicht einmal meine Rede verstehen. Wie könnte man sie für vollkommene Gerechte halten? So habe ich dir ein klares Erkennungszeichen in die Hand gegeben.
Ich habe dir bereits geschrieben, dass mein Buch keiner rabbinischen Empfehlung bedarf, da ich den Worten des ARI nicht ein einziges Wort hinzugefügt habe. Zu jeder Darlegung habe ich Quellenverweise erstellt, die ihren Ort in den Schriften des ARI aufzeigen – der ARI bedarf nicht der Empfehlung unserer Zeitgenossen. Ich habe dies mit tiefer Absicht getan, da ich die Wege der Sitra Achra gegen mich von Anfang an voraussah. Meine eigene Arbeit und mein Beitrag in diesen beiden Kommentaren sind kaum erkennbar – wie wollen sie also ihren Kampf gegen dieses Werk behaupten? Beschweren sie sich darüber, dass ich in den Schriften des ARI bewanderter bin als sie, so ist dies kein Argument. Sie hätten ihre Zeit nicht mit leeren Worten vergeuden sollen, sondern die Schriften des ARI studieren. Da sie die Hände in den Schoß gelegt haben, werden sie nun ihr eigenes Fleisch fressen (vgl. Kohelet 4:5).
Ich sende dir meinen Friedensgruß und Frieden an … und an … Sage ihm, dass alle seine Wege diesem Vorfall gleichen: Seine Absicht ist gut, doch die Taten sind nicht gut – und alles folgt der Tat. Was soll ich mit ihm tun? Er ist doch mein Gebein und mein Fleisch (vgl. 1. Mose 29:14). Jedenfalls soll er mir ausführlich berichten, wie sich diese Sache von Anfang bis Ende zugetragen hat, und ich werde ihm antworten.
Ich bitte dich sehr, mir deine Meinung zu diesem Brief mitzuteilen und was sich ferner unter ihnen zuträgt, ausführlich und genau, denn ich muss alle Einzelheiten kennen, um den Schutzschild aufrechterhalten zu können – es ist keine geringe Sache, es ist das Werk des Schöpfers.
Jehuda
korrOp, EY, 18.07.2026, v2