Lektion 21 - Der Schöpfungsgedanke
Der Schöpfungsgedanke · Licht und Gefäß · Die vier Phasen des Verlangens zu empfangen
- Der Schöpfungsgedanke
- Licht und Gefäß
- Die vier Phasen des Verlangens zu empfangen
Lektion 21. Der Schöpfungsgedanke
Ausgewählte Auszüge aus "Einführung in die Weisheit der Kabbala" von Baal HaSulam
1) ...Der Schöpfungsgedanke (Machshewet haBrija) bestand darin, den Geschöpfen Genuss zu bereiten. Er ist ein aus der freigiebigen Hand des Schöpfers gewährtes Geschenk. Daher wurden ein riesiges Verlangen und ein ungeheurer Wille in die Seelen (Neshamot) eingeprägt, diese Fülle (Shefa) – das Licht des Schöpfers – zu empfangen.
Das ist so, weil das Verlangen zu empfangen (Razon lekabel) jenes Kli (Gefäß) für das Maß des Genusses der Fülle ist, denn genau in dem Maße, wie groß und gewaltig das Verlangen, die Fülle zu empfangen, ist, können Genuss und Freude (Ta´anug, enthalten in Shefa) in das Gefäß (Kli) eindringen, nicht mehr und nicht weniger. Diese Begriffe sind so eng miteinander verbunden, dass es unmöglich ist, sie zu trennen. Es ist nur möglich, auf ihre Beziehung hinzuweisen, dass sich der Genuss (Ta’anug) auf die Fülle (Shefa) bezieht, wohingegen das gewaltige Verlangen, die Fülle zu empfangen, sich auf das empfangende Geschöpf (Niwra ha mekabel) bezieht.
Diese beiden Begriffe gehen unbestreitbar vom Schöpfer – Bore Itbarach – aus und sind im Schöpfungsgedanken eingeschlossen. Man muss jedoch unterscheiden: Während die Fülle unmittelbar aus dem Wesen des Schöpfers (Azmuto Itbarach) ausströmt, das heißt, als Existierendes aus dem Existierenden entsteht (Jesh mi Jesh), ist das darin eingeschlossene Verlangen zu empfangen die Wurzel der Geschöpfe. Das heißt, es ist die Wurzel für die neue Entstehung als Existierendes aus dem nicht Existierenden (Jesh mi Ajn). Denn in Seinem Wesen kann selbstverständlich keine Spur des Verlangens zu empfangen sein. In keinem Fall.
Daher gilt dieses genannte Verlangen zu empfangen (Razon lekabel) als die ganze Substanz – das „Grundmaterial“ – der Schöpfung, vom Beginn bis zum Ende. Alle unzähligen Arten von Geschöpfen, die schon entdeckt oder noch zu entdecken sind, unterscheiden sich nur hinsichtlich ihres Maßes an Verlangen zu empfangen und sind lediglich Veränderungen in diesem Verlangen zu empfangen. Alles, was diese Geschöpfe in sich haben, das heißt alles, was sich in diesem in ihnen eingeprägten Verlangen zu empfangen ereignet, kommt unmittelbar aus Seinem Wesen – Azmuto – als Existierendes aus dem Existierenden (Jesh mi Jesh). Es hat mit dieser neu entstandenen Schöpfung als Existierendes aus dem nicht Existierenden (Jesh mi Ajn) nichts zu tun, denn es ist nichts Neues. Vielmehr entspringt es direkt und unmittelbar aus Seiner Ewigkeit – als Existierendes aus dem Existierenden (Jesh mi Jesh).
2) Und wisse, dass dies das Geheimnis von Or (Licht) und Kli (Gefäß) ist, die wir in den Höheren spirituellen Welten (Olamot ha Eljonim) unterscheiden. Und in dem Maß, in welchem die Grade vom Licht Seines Angesichtes herabsteigen und sich vom Schöpfer während des Abstiegs entfernen, genau in diesem Maß ist auch die Verwirklichung des in der Fülle eingeschlossenen Verlangens zu empfangen. [Das heißt, es wird größer und gröber].
Man kann auch das Gegenteil sagen: So, wie das Verlangen, Fülle zu empfangen, größer wird, steigt es Stufe für Stufe ab [und entfernt sich vom Schöpfer], bis zur tiefsten Stelle, an der der Wille zu empfangen sich in maximalem Ausmaß verwirklicht. Diese Stufe wird als „die Welt Assija“ definiert. Und das Verlangen zu empfangen wird als der „Körper des Menschen“ (Gufo shel Adam) angesehen. Und die Fülle, die er erhält, wird als Maß für „das Leben, das im Körper ist“ (haChaim she ba Guf) betrachtet.
Dasselbe gilt ebenfalls für alle restlichen Geschöpfe in dieser Welt. Der Unterschied zwischen sämtlichen Höheren spirituellen Welten (Olamot ha Eljonim) und dieser Welt (Olam haSe) besteht darin: Solange das in der Fülle eingeschlossene Verlangen zu empfangen sich in seiner endgültigen Form noch nicht verwirklicht hat, wird es als den spirituellen Welten zugehörig angesehen, die höher sind als diese Welt. Nachdem das Verlangen zu empfangen seine endgültige Form verwirklicht hat, wird es als in dieser Welt seiend betrachtet.
4) Die Notwendigkeit der absteigenden Entwicklung des Verlangens zu empfangen (Hishtalshelut haRazon lekabel) durch die vier oben genannten Unterscheidungen in den Welten ABYA (Azilut, Brija, Yezira und Assija) wird durch folgendes großes Gesetz der Kelim (Plural von Kli) verursacht, welches lautet: Nur die Ausbreitung des Lichts und sein Rückzug (Hitpashtut we Histalkut ha Or) befähigen das Kli zu seiner ihm eigenen Funktion als Gefäß. Die Erklärung dazu ist: Solange das Kli von seinem Licht nicht getrennt, sondern mit Licht gefüllt ist, wird es vom Licht einbezogen und annulliert sich vor ihm, so, wie eine Kerze vor dem Licht einer Fackel.
Diese Annullierung resultiert aus der vollständigen und absoluten Gegensätzlichkeit zwischen Licht und Kli. Denn das Licht ist die Fülle und kommt unmittelbar von Azmuto Itbarach, dem Schöpfer, als Existierendes aus dem Existierenden. Und vom Standpunkt des Schöpfungsgedankens aus, in Ejn Sof, ist das Licht voll und ganz auf das Geben ausgerichtet und hat nicht die kleinste Spur des Verlangens zu empfangen. Der absolute Gegensatz dazu ist das Kli. Es ist das große Verlangen, die genannte Lichtfülle (Shefa) zu empfangen, was jeder neu entstandenen Schöpfung zugrunde liegt und deren Wurzel (Shoresh) ist. Das Kli hat nichts mit dem Geben (Hashpaa) zu tun.
Indem sie unzertrennlich miteinander verbunden sind, annulliert sich das Verlangen zu empfangen vor dem in ihm enthaltenen Licht. So kann das Kli seine Form erst bestimmen, nachdem sich das Licht zum ersten Mal entfernt hat (Histalkut haOr). Denn dann, nach dem Rückzug des Lichts, fängt das Kli an, sich nach diesem Licht zu sehnen. Diese Sehnsucht bestimmt und setzt die gehörige Form des Verlangens zu empfangen fest. Nachdem das Licht zurückgekommen und sich im Kli eingekleidet hat, werden sie (Licht und Kli) als zwei getrennte Objekte betrachtet: Kli und Licht bzw. Körper (Guf) und Leben (Chaim). Und richte dein Augenmerk darauf, denn dies ist das Tiefste des Tiefen.
5) Daher braucht man die vier Unterscheidungen (Dalet Bchinot), die im Namen HaWaYaH enkodiert sind und Chochma, Bina, Tiferet, Malchut heißen. Bchina Alef (Phase Eins), welche Chochma heißt, beinhaltet die Gesamtheit des Ausgeströmten – das Licht und das Kli. In diesem ist das große Verlangen zu empfangen im gesamten Licht enthalten, das Or Chochma (das Licht der Weisheit) oder Or Chaja (das Licht des Lebens) heißt, denn es ist das gesamte Licht des Lebens (Or ha Chaim) im Ausgeströmten, eingekleidet in sein Kli. Diese Bchina Alef wird jedoch weiterhin lediglich als Licht angesehen, und das Kli dieser Stufe ist fast nicht erkennbar, denn es ist mit dem Licht vermischt und verschwindet in ihm wie eine Kerze vor einer Fackel.
Danach kommt Bchina Bet (Phase Zwei). Das geschieht, da das Kli Chochma am Ende seiner Entwicklung die Übereinstimmung mit dem Höheren Licht – Or Eljon – in ihm durch die Angleichung der Form (Hashwaat ha Zura) erreicht. Es bedeutet, dass im Kli Chochma das Verlangen, dem Ausströmenden zu geben, wach wird, analog der Natur des Lichts in Seinem Inneren, welches vollkommenes Geben ist.
Als Antwort auf das Erwachen dieses Verlangens kommt vom Ausströmenden ein neues Licht, das Or Chassadim (das Licht der Barmherzigkeit) heißt. Daher entledigte sich Bchina Alef fast vollständig des Or Chochma, das vom Ausströmenden gegeben wurde. Denn dieses Or Chochma kann nur in einem ihm passenden Kli empfangen werden; das ist das Verlangen zu empfangen in seinem höchsten Grad.
Deswegen unterscheiden sich das Licht und das Kli in Bchina Bet völlig von denen in Bchina Alef. Denn das Kli von Bchina Bet ist das Verlangen zu geben (Razonlehashpia), und das Licht dieser Stufe wird als Or Chassadim definiert, das bedeutet das Licht, welches aus der Kraft von Dwekut (Anhaftung, Verschmelzung) des Ausgeströmten (Neezal) mit dem Ausströmenden (Maazil) resultiert. Das Verlangen zu geben in Bchina Bet bewirkt die Angleichung der Form an den Ausströmenden, und die spirituelle Angleichung der Form ist Dwekut (Anhaftung, Verschmelzung).
Danach kommt Bchina Gimel (Phase Drei). Nachdem das Licht innerhalb des Ausgeströmten (Neezal) sich durch die vollständige Abwesenheit des Or Chochma bis auf die Stufe Or Chassadim verringert hatte (während wir bereits wissen, dass das OrChochma die Essenz und Hauptlebensenergie des Ausgeströmten ist), erwachte Bchina Bet am Ende ihrer Entwicklung. Sie empfand den Mangel an Or Chochma und zog eine gewisse Menge des Or Chochma an sich, um innerhalb des Or Chassadim, welches in ihr ist, zu scheinen. Dieses Erwachen verursachte nun die erneute Anziehung einer gewissen Menge des Verlangens zu empfangen, welches nun eine neue Form des Kli darstellt, das Bchina Gimel bzw. Tiferet heißt. Das Licht in dieser Bchina heißt Or Chassadim mit einem schwachen Leuchten von Chochma(Hearat Chochma), denn der größte Teil dieses Lichts ist das Or Chassadim, und sein geringerer Teil ist Or Chochma.
Danach kommt Bchina Dalet (Phase Vier). Ebenso wurde das Kli der Bchina Gimel am Ende ihrer Entwicklungsphase wach und zog das Or Chochma an sich, jedoch in der ganzen Fülle, wie es in Bchina Alef war. Dieses erwachte Verlangen ist also die Sehnsucht im Ausmaß der Begierde nach Licht, wie sie Bchina Alef innewohnte, und noch mehr als das. Denn jetzt, nachdem das Or Chochma einmal verschwunden ist und sich nicht mehr im Ausgeströmten kleidet, sehnt er sich danach. Daher verlangt er nach diesem Licht Or Chochma viel stärker als es in Bchina Alef war. Daher besteht das Verlangen zu empfangen nun in seiner ganzen Vollkommenheit. Denn nach der Ausbreitung (Hitpashtut) des Lichts und dessen anschließendem Verschwinden (Histalkut) wird das Kli bestimmt. Später, wenn das Kli nun von neuem das Licht empfängt, gilt, dass das Kli dem Licht vorangeht. Daher wird diese Bchina Dalet als der Abschluss des Kli definiert und wird als Malchut (Königreich) bezeichnet.
Die Tabelle der vier Phasen
|
Phase |
Name / Welt |
Das Gefäß — Natur des Verlangens |
Das empfangene Licht |
Was das Geschöpf empfindet |
|
Alef |
Chochma / Azilut |
Wille zu empfangen — im Licht aufgehoben, fast unmerklich |
Or Chochma (Or Chaja) — vollständig |
Vollkommenheit — aber keine Eigenständigkeit. Vollständig aufgehoben im Schöpfer |
|
Bet |
Bina / Brija |
Ein Wille zu geben ist erwacht — wie die Natur des Lichts |
Or Chassadim — Licht der Anhaftung |
Nähe, Anhaftung — jedoch Verzicht auf Or Chochma |
|
Gimel |
Tiferet / Yezira |
Teilweise Anziehung von Or Chochma innerhalb von Or Chassadim |
Or Chassadim erleuchtet durch Or Chochma — teilweise |
Kombination — teilweises Empfangen und Geben |
|
Dalet |
Malchut / Assija |
Vollkommener Wille zu empfangen — vom Licht getrennt, sehnt sich nach ihm mit ganzer Kraft |
Potenzial — wenn es empfangen wird. Dies ist die 'Vollendung des Gefäßes' |
Eigenständiges Geschöpf. Unser Zustand in dieser Welt |
11) Jetzt können wir den wahren Unterschied zwischen dem Spirituellen und dem Körperlichen verstehen. Wenn das Verlangen zu empfangen (Razon lekabel) seine volle Entwicklung in allen Stufen erreicht hat, also Bchina Dalet, so wird dieses Verlangen als „materiell“ bzw. „körperlich“ angesehen. Dies ist es, was in allen Einzelheiten der Wirklichkeit vor uns in dieser Welt (Olam haSe) existiert. Alles, was über diesem hohen Grad des Verlangens zu empfangen liegt [wenn dieses Verlangen noch nicht seine letzte Entwicklungsstufe erreicht hat], wird als „Spiritualität“ bezeichnet. Dies sind die vier Welten ABYA, die sich über dieser Welt befinden, mit ihrer ganzen Wirklichkeit in ihnen.
Und nun kann man verstehen, dass alle Auf– und Abstiege, die sich in den Höheren Welten abspielen, unter keinen Umständen Bewegungen in einem imaginären Raum darstellen, sondern sie sind einfach Änderungen vom Ausmaß des Verlangens zu empfangen innerhalb der vier Entwicklungsstufen. Je weiter etwas von Bchina Dalet entfernt ist, desto höher wird es angesehen. Und umgekehrt, je näher etwas an Bchina Dalet herankommt, desto tiefer ist seine Stufe.