Körper und Seele (Körper und Seele als wissenschaftliche Begriffe)
(Modifiziert von Dr. Michael Laitman)
Drei Theorien von Körper und Seele
Alle Theorien von Körper und Seele, die in der Welt verbreitet sind, kann man in drei Kategorien vereinigen:
- Theorie des Glaubens
- Theorie des Dualismus
- Theorie der Verneinung
1. Theorie des Glaubens
Die Theorie des Glaubens besagt, dass es nichts anderes gibt, außer Seele oder Geist. Nach Meinung der Befürworter dieser Theorie existieren spirituelle Wesen, die voneinander nach ihrer Qualität getrennt sind, die als „menschliche Seelen“ bezeichnet werden, und die über eine selbstständig existierende Realität verfügen, noch bevor sie hinabsteigen und sich im menschlichen Körper verwirklichen.
Der Tod des menschlichen Körpers beeinflusst diese Wesen nicht, weil sie spirituell sind, das heißt, einfache Wesen. Nach Meinung derjenigen, die dieser Theorie zugeneigt sind, ist der Tod nichts weiter als eine Teilung der Grundlagen, aus denen das Wesen besteht. Und er gehört daher zum materiellen Körper, der eine Konstruktion aus diesen Grundlagen darstellt, die jedes Mal durch den Tod voneinander getrennt werden. Die Seele ihrerseits, ein spirituelles Gebilde, stellt ein einfaches Wesen dar, in dem es keine Komponenten gibt, und daher kann sie sich nicht so aufspalten, dass es ihren Bau beeinflussen würde. Dementsprechend ist die Seele unsterblich und existiert ewig.
Der Körper stellt nach Meinung der Anhänger dieser Theorie eine gewisse Kleidung für die Seele, für dieses spirituelle Wesen dar. Die Seele kleidet sich in den Körper ein und offenbart durch ihn ihre Kräfte, Eigenschaften und verschiedene Fertigkeiten.
Auf diese Weise belebt die Seele selbst den Körper, versetzt ihn in Bewegung und bewahrt ihn vor jeglichen Verletzungen. Der Körper selbst hat kein eigenständiges Leben, in ihm gibt es nichts außer der toten Materie, in Form derer er sich auch offenbart, wenn die Seele ihn verlässt. Alle Lebensanzeichen, die im Körper des Menschen betrachtet werden können, sind lediglich Erscheinungen der seelischen Kräfte.
2. Theorie des Dualismus
Nach Meinung der Verfechter dieser Theorie ist der Körper ein vollkommenes Wesen. Er lebt, ernährt sich, kümmert sich nach Notwendigkeit um den Fortbestand der eigenen Existenz, und bedarf keiner Hilfe eines jeglichen spirituellen Wesens.
Dieser Körper wird aber keineswegs für das Wesen des Menschen gehalten. Die Grundlage des Wesens eines Menschen ist die vernünftige Seele, welche ein spirituelles Wesen ist, was an die Meinung der Verfechter der ersten Theorie anschließt.
Meinungsverschiedenheiten zwischen diesen zwei Theorien betreffen nur die Definition des Körpers. Die Entwicklung der Wissenschaft hat gezeigt, dass alle lebensnotwendigen Bedürfnisse von der Natur bereits im Körper selbst veranlagt wurden, und das lässt dem Wirken der Seele im Körper keinen Raum, und beschränkt ihre Funktion lediglich auf Fertigkeiten und gute Eigenschaften, ihre spirituelle Ausprägungen. So glauben die Verfechter des Dualismus an beide Theorien gleichzeitig, behaupten dabei aber, dass die Seele der Ursprung für den Körper ist, das heißt, dass der Körper das Produkt und die Verlängerung der Seele ist.
3. Theorie der Verneinung
An diese Theorie halten sich diejenigen Forscher, welche die Anwesenheit einer gewissen spirituellen Realität im Körper verneinen, und nur dessen Materialität akzeptieren. Entsprechend ihren Behauptungen ist auch der Verstand des Menschen ein Derivat des Körpers. Sie stellen den Körper als ähnlich einer funktionstüchtigen elektrischen Maschine dar, mit Kabeln, die sich aus dem Körper zum Gehirn ziehen. Der ganze Mechanismus wird durch Kontakte des Organismus mit äußeren Reizerregern in Betrieb gesetzt, und durch Empfindungen von „Schmerz“ und „Genuss“ gelenkt, wobei diese an das Gehirn gesendet werden, das an bestimmte Organe Anweisungen erteilt, nach Notwendigkeit die eine oder andere Handlung auszuführen.
Alles wird mithilfe der Nerven- Leitungsbahnen und Sehnen gelenkt, welche durch ein einziges Programm an sie gebunden sind: das Organ von der Schmerzquelle weg und zur Genussquelle hin zu führen. Auf eben diese Weise, behaupten die Verfechter der Verneinungstheorie, geschieht im Menschen die Reflexion und wird eine Reaktion auf alle Lebenssituationen erarbeitet.
Unsere Empfindung des Verstandes und der Logik im Inneren des Gehirns ähnelt dabei einer Aufnahme oder einem Abdruck dessen, was im Inneren des Organismus geschieht. Diese Empfindung ist ein unbestrittener Vorteil des Menschen, und wird durch seine Entwicklung gegenüber den Vertretern der Tierwelt möglich.
Auch unter den Vertretern der Theorie des Dualismus kann man einige finden, die mit dieser Theorie einverstanden sind. Aber sie fügen dem dennoch ein gewisses ewiges spirituelles Wesen hinzu, das als die „Seele“ bezeichnet wird. Ihren Behauptungen nach ist diese Seele das Wesen des Menschen, und sie kleidet sich in einen Körper – die Hülle.
So sind im Allgemeinen die Theorien, die in den Geisteswissenschaften solche Begriffe wie Körper und Seele beschreiben.
Körper und Seele als wissenschaftliche Begriffe in der Kabbala
Die Wissenschaft der Kabbala ist dazu aufgerufen, den Studierenden die höchste Welt zu enthüllen, und zwar im selben Maße der Offensichtlichkeit und Wahrhaftigkeit, wie die irdischen Naturwissenschaften dem Menschen unsere Welt offenbaren. Alles Wissen über die höchste Welt wurde von Wissenschaftlern – Kabbalisten auf dem Wege unmittelbarer Versuche und Erforschungen an sich als Material gesammelt. Daher gibt es in der Wissenschaft der Kabbala kein einziges Wort, das eine theoretische Basis hätte – alles wird nur als Ergebnis praktischer Erkenntnis dargelegt.
Für alle selbstverständlich ist die Tatsache, dass der Mensch seiner Natur nach Zweifeln unterlegen ist, und jede Schlussfolgerung, die der menschliche Verstand als offensichtlich bestimmt, nach Ablauf der Zeit dem Zweifel unterworfen wird. Das führt zum Theoretisieren und in Bezug auf Geschehnisse in der Vergangenheit wird eine andere Schlussfolgerung gezogen, die dann für eine Weile als offensichtlich gilt. Und wenn der Mensch tatsächlich über abstraktes Denken verfügt, dann bewegt er sich sein Leben lang in diesem Kreis. Die Selbstverständlichkeit von gestern wird zu einem Zweifel von heute, und die heutige Selbstverständlichkeit wird sich morgen in Zweifel verwandeln.
Enthülltes und Verhülltes
Die moderne Wissenschaft kam bereits zum Verständnis der Tatsache, dass in der uns umgebenden Wirklichkeit nichts absolut offensichtliches existiert. Kabbala hat ihrerseits immer das Theoretisieren und die Benutzung theoretischer Schlussfolgerungen verboten, sogar auf der Stufe der Vermutungen.
Wissenschaftliche Kabbalisten teilen die Wissenschaft in zwei Teile auf: den Enthüllten und den Verhüllten.
Der enthüllte Teil der Wissenschaft schließt in sich alles ein, was wir bei einfacher Reflexion verstehen, wenn sich das Studium auf praktischer Basis aufbaut, ohne jegliche Theorie, nur von praktischen, auf dem Wege der Untersuchungen erlangten Daten und daraus folgenden Schlussfolgerungen ausgehend.
Der verhüllte Teil der Wissenschaft enthält von uns selbst erfahrene oder aus vertrauenswürdigen Quellen erlangte Kenntnisse, allerdings im Maße, welche zur Analyse aus der Sichtweise des gesunden Menschenverstandes und der einfachen Reflexion unzureichend sind. Dieser Teil der Kenntnisse wird zeitweilig als „einfacher Glaube“ angenommen und in keinem Fall erforscht, weil sich in diesem Fall die Erforschung nicht auf praktischer Basis, sondern auf theoretischen Überlegungen gründen würde.
Man muss in Betracht ziehen, dass sich die Termini „enthüllter“ und „verhüllter“ Teil der Wissenschaft nicht auf besondere Arten der Kenntnisse beziehen, sondern auf deren Erkenntnis durch den Menschen. Diejenigen Kenntnisse, die der Mensch in realer Praxis aufgedeckt hat, werden als „enthüllt“ bezeichnet, und diejenigen, welche noch nicht eine solche Stufe der Erkenntnis erfahren haben, werden als „verhüllt“ bestimmt.
Aus dem Vorangegangenen folgt, dass es in keiner Generation jemals einen Menschen gegeben hat, der nicht über diese beiden Teile des Wissens verfügte – den offenbarten und den verborgenen. Er ist jedoch nur befugt, den enthüllten Teil zu studieren und zu erforschen, da er dafür eine wirkliche Grundlage besitzt.
Verbot der Geisteswissenschaften
Die Weisheit der Kabbala erlaubt es nicht, sich auf die sogenannten Geisteswissenschaften zu stützen.
Ihr Fundament ist ausschließlich Wissen, das aus eigenem Erkennen hervorgeht.
Aus diesem Grund können die drei oben erwähnten Theorien keine verlässliche Erkenntnis über „Seele und Körper“ liefern, da ihre Schlussfolgerungen auf Glaubenssätzen beruhen. Als wissenschaftliche Erkenntnis über Seele und Körper kann nur das gelten, was aus dem praktischen Erlangen gemäß der Weisheit der Kabbala stammt.
Daher ist es uns erlaubt, nur jene Betrachtungsweise zu verwenden, die sich mit dem Körper befasst und deren Schlussfolgerungen auf überprüfbarer Erfahrung beruhen und keinen Zweifel zulassen.
Die Kabbala weist alle allgemeinen, logisch-abstrakten Erklärungen sowie theoretischen Spekulationen strikt zurück und akzeptiert ausschließlich das, was der Mensch tatsächlich erlangt.
Kritik der dritten Theorie
Der Hauptmangel der dritten Theorie besteht darin, dass sie dem Geist eines gebildeten Menschen fremd ist, weil sie die Persönlichkeit vernichtet und ihn selbst als eine Art Maschine darstellt, die durch Einwirkung äußerer Kräfte in Bewegung versetzt wird. Aus ihr folgt, dass der Mensch keine freie Wahl in seinen Wünschen hat, dass er sich unter vollkommener Kontrolle der Naturkräfte befindet, alle seine Handlungen aus Zwang vollzieht, weder Lohn noch Bestrafung erhält, weil sich das Gesetz der Bestrafung und Belohnung nur auf jemanden ausstreckt, der über eine Freiheit der Willensäußerung verfügt.
Diese Theorie ist sowohl den Religiösen fremd, die an Belohnung und Bestrafung durch den Schöpfer glauben, und sich ihres guten Ziels sicher sind, als auch den Nichtreligiösen. Denn entsprechend dieser Theorie sind wir, über Vernunft Verfügende, Spielzeug in Händen blinder Natur, die uns in eine ungewisse Richtung führt.
Aus diesem Grund setzt sich diese Theorie in der Welt kaum durch. Es ist üblich zu glauben, dass der Körper, der entsprechend der dritten Theorie als eine Maschine bezeichnet wird, nicht der wahre Mensch ist, sondern dass das Wesen des Menschen, sein „Ich“, ein unsichtbares und unspürbares spirituelles Wesen ist, das in verhüllter Form im Körper verwirklicht ist.
Wie aber kann dieses spirituelle Wesen den Körper in Bewegung versetzen, wenn doch entsprechend der Behauptung der Philosophie das Spirituelle in keiner Verbindung zum Materiellen steht, und dieses letztere keineswegs beeinflusst? So können weder Philosophie noch Metaphysik eine Lösung der Frage nach der Seele bieten.
Schlussfolgerung
1. Alles, was der Mensch empfindet, empfindet er in seinen fünf Sinnesorganen. Das aufsummierte Bild des in den fünf Sinnesorganen Wahrgenommenen wird im Gehirn analysiert, mit dem bereits bekannten verglichen und dem Bewusstsein als das Bild von sich selbst und der umgebenden Welt präsentiert. Somit nimmt der Mensch sowohl den eigenen Körper, als auch die ihn umgebende Realität als das Ergebnis der Empfindungen der fünf Sinnesorgane auf. Es gibt weder den Körper noch die umgebende Welt als solche – sie sind lediglich Folge unserer Empfindungen. Baal Sulam schreibt: „Ich empfinde meinen Körper als fest und von einer bestimmten Größe, weil meine Sinneseindrücke ihn mir so präsentieren...“
2. Wenn der Mensch überhaupt keine Empfindungsorgane hätte, würde er sich selbst nicht wahrnehmen. Wenn die Organe der Empfindungen in Quantität oder Qualität anders gestaltet wären, würde sich der Mensch anders wahrnehmen, er würde den eigenen Körper und die ihn umgebende Welt anders wahrnehmen: entsprechend den Empfindungen, die ihm seine Sinnesorgane liefern würden.
3. Alles, was durch den Menschen in den fünf Sinnesorganen verspürt wird, wird als das „Enthüllte“ bezeichnet. Natürlich verfügt jedes Individuum dabei über ein eigenes Maß des Verhüllten, das von seiner emotionalen und intellektuellen Entwicklung abhängt. Das Enthüllte kann sein:
- Privat, individuell;
- Allgemein – der ganzen Menschheit auf jeder konkreten Etappe ihrer Entwicklung enthüllt.
4. Das noch nicht Enthüllte, aber potentiell der Enthüllung in der Zukunft Unterliegende, wird als das „Verhüllte“ bezeichnet. Dieses wird auch in zwei Arten unterteilt:
- Verhülltes, das wir irgendwann in der Zukunft in unseren fünf Sinnesorganen offenbaren können;
- Verhülltes, das wir niemals in unseren fünf Sinnesorganen enthüllen können.
5. Das nicht in den fünf Sinnesorganen Enthüllbare kann in einem sechsten Sinnesorgan enthüllt werden. Jeder Mensch trägt das Embryo eines sechsten Sinnesorgans in sich, das er entwickeln kann. Die Methodik der Entwicklung eines sechsten Sinnesorgans heißt „Kabbala“. In Analogie mit den Empfindungen des Körpers und der Umgebung in den fünf Sinnesorganen besteht auch die Wahrnehmung im sechsten Sinnesorgan aus zwei Komponenten:
- Körper – bezeichnet als die „Seele“
- Umgebung – bezeichnet als die „höchste Welt“
Die Wahrnehmung der höchsten Welt wird als ein Gefühl der Ewigkeit, Perfektion, Allwissen empfunden.